Bilder zum Staunen und Schmunzeln

Paul Hoecker (1854-1910): Mädchen am Spinnrad, 1881
Paul Hoecker (1854-1910): Mädchen am Spinnrad, 1881

Der Künstler hat das (holländische) Spinnrad wunderbar detailliert und korrekt dargestellt. Das Mädchen hat offensichtlich gerade erst aufgehört zu spinnen, die Spule ist voll - aber, halt, was ist das: wie hat sie denn überhaupt spinnen können? Das Spinnrad hat eindeutig gar keinen Antriebsfaden vom Schwungrad zu den Wirteln!!

 

Offensichtlich hat der Künstler vom Spinnen nichts verstanden ...

 

Das kann man nicht behaupten von George Romney. Während praktisch alle Künstler sich lediglich zutrauten, ein Spinnrad im stehenden Zustand darzustellen, malte Romney das wohl mit Recht berühmteste Bild eines Spinnrads: in vollem Schwung. Lady Hamilton war zu dieser Zeit natürlich noch nicht Lady Hamilton, sondern nur Romneys Modell aus sehr ärmlichen Verhältnissen, und offensichtlich verstand sie viel vom Spinnen, wie ihre elegante und korrekte Handhaltung beweist.

 

George Romney (1734-1802): Lady Hamilton am Spinnrad, 1782-1786 (hier als Stich von Charles Jeens, 1827-1879)
George Romney (1734-1802): Lady Hamilton am Spinnrad, 1782-1786 (hier als Stich von Charles Jeens, 1827-1879)
Marianne Stokes (1855-1927): Die Heilige Elisabeth spinnt für die Armen, 1895
Marianne Stokes (1855-1927): Die Heilige Elisabeth spinnt für die Armen, 1895

Elisabeth von Thüringen lebte von 1207 bis 1231. Flügelspinnräder gab es zu dieser Zeit noch nicht - ja sogar Spindelräder wurden erst 100 Jahre später eingeführt -, und schon gar nicht diesen Bautyp mit senkrechtem Rahmen. Hier geht die künstlerische Freiheit mit der in der Steiermark geborenen Künstlerin arg durch.

 

Eine korrektere Vorstellung von der Textiltechnik im (Früh-)Mittelalter beweist Albert Anker, der die burgundische Königin Bertha (907 bis etwa 966) mit Handspindel zeigt. Von ihr heißt es ja, sie habe auf dem Thron sitzend gesponnen, wenn sie Gesandte anderer Länder oder sonstige Würdenträger empfing. Ein Bild, das mir sehr gefällt. Die Handspindel, die Bertha für das Mädchen dreht, das direkt vor ihr steht, liegt etwas im Dunklen, man muß genau hinsehen. Dadurch kann sich das Mädchen ganz auf das Ausziehen des Flachses aus dem Armrocken konzentrieren, den sie unter ihren Ellbogen geklemmt hat. Eine sehr gute Lehrmethode.

 

Albert Anker (1831-1910): Königin Bertha lehrt Mädchen das Flachsspinnen, 1888
Albert Anker (1831-1910): Königin Bertha lehrt Mädchen das Flachs-Spinnen, 1888