Kammgarn spinnen und Spinnen mit kurzem Auszug

Vorbemerkung

Folgende Vorgehensweise geht davon aus, daß man mit kurzem Auszug nach vorn spinnt, d.h. Garn, was man englisch mit worsted oder worsted-type beschreibt (Kammgarn). Die versponnenen Fasern haben also eine gewisse Mindestlänge.

Für Garn, das mit langem Auszug nach rückwärts, also woollen oder woollen-type gesponnen werden soll (Streichgarn), gelten völlig andere Voraussetzungen.

 

Schritt 1

Zuerst muß ich mich entscheiden, was für ein Garn ich überhaupt spinnen möchte. Dann kann ich anfangen, die gewünschten Eigenschaften in technische Parameter umzusetzen, die ich erreichen muß bzw. kann. Ich gehe von der Lauflänge aus, die mein Einzelfaden haben soll, entweder als Gewichtsnummerierung in [Tex] oder als Längennummerierung in [Nm].

Die Gewichts-Einheit [Tex] bezeichnet das Gewicht eines Fadens von 1.000 Meter Länge. 1 Tex = 1 g/ 1.000 m. 100 Tex entspricht einem Faden von 10 Gramm Gewicht und 100 Meter Länge.

Die Längen-Einheit Nummer metrisch [Nm] bezeichnet die Länge eines Fadens von 1 Gramm Gewicht. 1 Nm = 10 m/ 1 g. 10 Nm entspricht einem Faden von 100 Meter Länge und 10 Gramm Gewicht.

In folgender Tabelle kann ich - ausgehend von der gewünschten Lauflänge - ablesen, wieviele Drehungen pro Zentimeter ich erzeugen muß:

 

Garn-Typ

Lauflänge

Tex

Lauflänge

Nm

Drehungen pro Zentimeter

(handgesponnen)

sehr fest   47 - 50 20,1 - 21,1 3,7 - 3,9
fest   51 - 65 15,1 - 20,0 2,9 - 3,5
normales Kettgarn   66 - 95 10,1 - 15,0 2,0 - 2,8
normales Schußgarn   96 - 150   6,6 - 10,0 1,3 - 1,9
weich 151 - 280   3,6 - 6,5 0,7 - 1,2
sehr weich 281 - 480   2,1 - 3,5 0,4 - 0,7

 

Die Formel, wie man aus der Lauflänge in [Tex] die Drehungen in Zoll (englische Inch) ausrechnen kann, hat The Woollen Industries Research Association 1965 veröffentlicht ("The Woollen Industrie" von Alan Brearley und John Iredale):

                                                              106

Drehungen pro Inch = --------------------------------------------------

                                      Quadratwurzel aus Lauflänge in [Tex]

 

Diese Formel ist allerdings für Maschinengarn ermittelt worden. Weil Handspinner die Faservorbereitung (z.B. Vorgarn u.ä.) und die Eigenschaften der Ringspindel nicht imitieren können, darf man für handgesponnenes Garn, insbesondere Schuß- und Strickgarn, nur etwa die Hälfte der maschinell erzeugten Drehungen anrechnen. Dies ist zu berücksichtigen, wenn man sich selbst ein kommerziell hergestelltes Garn als Vorbild nimmt und seine Eigenschaften analysiert. In der obigen Tabelle ist alles bereits umgerechnet.

Die deutsche Industrie benutzt dagegen folgende Formel, die in KURT HENTSCHEL: Wolle spinnen mit Herz und Hand, Winterbach 1975 (Nachdruck von 1949), S. 107 festgehalten ist:

 

Drehungen/ Meter = Drehungsgrad*Quadratwurzel aus Lauflänge in [Nm]

 

Für die von Handspinnern überwiegend hergestellten Garne ist noch folgende Detail-Tabelle interessant. Zu beachten ist natürlich auch, daß sich die Lauflänge im Endprodukt noch einmal halbiert (bei normalem Zwirnen mit 2 Einzelfäden):

 

Tex Einzelfaden Tex gezwirnt Nm Einzelfaden Nm gezwirnt Drehungen/cm
100 200 10,0 5,0 2,1
150 300 6,7 3,3 1,7
200 400 5,0 2,5 1,5
250 500 4,0 2,0 1,3
300 600 3,3 1,7 1,2
350 700 2,9 1,4 1,1

Schritt 2

Ich entscheide mich, mit welcher Übersetzung ich spinnen möchte, falls mein Spinnrad viele Übersetzungen anbietet.

Nehmen wir an, ich möchte ein Garn von 6 Drehungen/ cm mit einer Übersetzung von 1:6 spinnen. Dann gehe ich in der folgenden Tabelle in der Spalte unter der gewünschten Übersetzung soweit herunter, bis ich diese Zahl von Drehungen finde:

 

Übersetzungen
Faser-dreieck [cm] 1:5 1:6 1:7 1:8 1:9 1:10 1:11 1:12 1:13 1:14 1:15 1:16 1:17
1 12,7 15,2 17,8 20,3 22,9 25,4 27,9 30,5 33 35,6 38,1 40,6 43,2
1,5 8,5 10,2 11,9 13,5 15,2 16,9 18,6 20,3 22 23,7 25,4 27,1 28,8
2 6,4 7,6 8,9 10,2 11,4 12,7 14 15,2 16,5 17,8 19,1 20,3 21,6
2,5 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17
3 4,2 5,1 5,9 6,8 7,6 8,5 9,3 10,2 11 11,9 12,7 13,5 14,4
3,5 3,6 4,4 5,1 5,8 6,5 7,3 8 8,7 9,4 10,2 10,9 11,6 12,3
4 3,2 3,8 4,4 5,1 5,7 6,4 7 7,6 8,3 8,9 9,5 10,2 10,8
4,5 2,8 3,4 4 4,5 5,1 5,6 6,2 6,8 7,3 7,9 8,5 9 9,6
5 2,5 3 3,6 4,1 4,6 5,1 5,6 6,1 6,6 7,1 7,6 8,1 8,6
5,5 2,3 2,8 3,2 3,7 4,2 4,6 5,1 5,5 6 6,5 6,9 7,4 7,9
6 2,1 2,5 3 3,4 3,8 4,2 4,7 5,1 5,5 5,9 6,4 6,8 7,2
6,5 2 2,3 2,7 3,1 3,5 3,9 4,3 4,7 5,1 5,5 5,9 6,3 6,6
7 1,8 2,2 2,5 2,9 3,3 3,6 4 4,4 4,7 5,1 5,4 5,8 6,2

 

Das wäre hier in der 4. Zeile unter den Überschriften der Fall (blau markiert). Dann kann ich links in der ersten Spalte (rot markiert) die richtige Länge des auszuziehenden Faserdreiecks ablesen, hier 2,5 cm.

Jedesmal, wenn ich den Fußtritt des Spinnrads herunterdrücke, wobei sich das Schwungrad also 1 Mal um sich selber dreht und der Spinnflügel gleichzeitig 6 Mal dreht, muß ich also 2,5 cm aus dem Faservorrat nach vorn ziehen, dann erst den Drall hineinlaufen lassen und natürlich gleichzeitig genau so viel bereits gesponnenen Faden auf die Spule aufwickeln lassen.

Will ich dagegen dasselbe Garn mit einer Übersetzung von z.B. 1:12 herstellen, finde ich die Zahl der Drehungen/ cm erst in der 9. Zeile unter den Überschriften (man wählt ggf. die der genauen Zahl am nächsten Kommende aus, hier 6,1 wie grün markiert). Das Faserdreieck muß dann bereits 5 cm pro Tritt lang sein.

 

Welchen Einfluß hat die Geschwindigkeit, mit der ich trete?

Grundsätzlich gar keinen! Das System ist, pro Tritt einmal eine bestimmte Faserlänge auszuziehen und einlaufen zu lassen. Die Geschwindigkeit, mit der ich dabei trete, ist höchstens für mein persönliches Arbeitstempo von Bedeutung, aber nicht für die Physik. Ich kann so langsam treten, wie ich will, aber keine Macht der Welt kann verhindern, daß z.B. bei einer Übersetzung 1:12 sich der Spinnflügel 12 Mal dreht und damit genau 12 Umdrehungen in meinem Faden landen.

 

Welchen Einfluß hat die Geschwindigkeit, mit der ich ausziehe?

Grundsätzlich ebenfalls keinen. Ich habe genau eine einzige Radumdrehung Zeit, die erforderliche Faserdreiecks-Länge auszuziehen, nicht mehr aber auch nicht weniger.

 

Welchen Einfluß hat die Stapellänge?

Einen großen Einfluß auf die Auswahl der Übersetzung, damit auch ggf. auf das Spinnrad, das ich benutze, bzw. auf die Art der Fasern, die ich verspinnen kann!

 

Nehmen wir als Beispiel an, ich wollte ein weiches Strickgarn mit etwa 2 Drehungen/ cm aus Merino-Kardband spinnen. Die einzelnen Fasern haben, wie ich vor Beginn des Spinnens prüfe, eine durchschnittliche Länge von 6 cm. Die geringste Übersetzung, die mein Spinnrad aufweist, ist 1:6.

Die obige Tabelle zeigt mir, daß ich dann pro Tritt bereits 7 cm aus meinem Faservorrat ziehen müßte. Wenn meine Stapellänge aber nur 6 cm beträgt, ist das klarerweise unmöglich. Ich werde mit der Technik des kurzen Auszugs nach vorn aus diesem Spinnmaterial also höchstens weit stärker gedrehte Fäden spinnen können.

 

Die oben genannten Lauflängen ergeben sich aus dem Verhältnis von Gewicht und Länge und sagen zunächst einmal nichts über die Dicke des Fadens aus. Rein theoretisch kann ein Garn aus sehr leichten, feinen Fasern, die aber kürzer und stärker gedreht sind (damit ist mehr Fasermasse in einem bestimmten Abschnitt eines Fadens), dieselbe Lauflänge haben wie ein Garn aus schwereren Fasern mit größerem Faserquerschnitt, die aufgrund ihrer Länge aber weniger Drehungen/ cm benötigt haben.

 

Fortsetzung folgt ...