Die Autorin über sich und die Entstehung des Buches

Ich bin seit vielen Jahren aktive Handspinnerin und Handweberin. Mein besonderes Interesse gilt regionalen Formen alter Spinnräder, ihrer Erforschung und Sammlung. Das vorliegende Buch entstand nach 15jähriger Recherche auf diesem Gebiet.

 

Obwohl ich mir 14jährig das Weben auto­didaktisch beigebracht habe, hatte ich lange Zeit keine Beziehung zum Spinnen. Erst 1989 lernte ich meine regionale Spinn- und Webrunde kennen, fing an zu spinnen und trat in den Verein ein. Wie das so ist, stellten sich im Haus auch bald die ersten Spinn­räder ein, moderne und alte. In der Werkstatt unserer Gruppe, innerhalb des Heimatmuseums, befanden sich natürlich ebenfalls viele Spinnräder, überwiegend aus der Region, aber auch einige gestiftete oder auf Flohmärkten gekaufte, die ganz anders aussahen – aber warum? Auf Reisen begann ich, mir Volkskunde­museen hauptsächlich darauf­hin anzusehen, ob sie Spinnräder ausstellten und welche Details diese aufwiesen.

 

Nun bin ich Biologin, und Biologen lieben und lernen es, alles zu klassifizieren, seien es Lebewesen, Pflanzengesellschaften oder Biotoptypen. Ich fing an, in ein Notizbuch Daten einzutragen, wie Umfang des Schwungrades, Einzug, Übersetzung, Höhe/ Breite/ Tiefe, Länge des Wockenstocks u.ä. Ich kaufte oder lieh mir jedes Buch über das Spinnen, das ich er­wischen konnte, und kopierte mir die Abbildungen von Rädern heraus, klebte sie auf Kartei­karten und versuchte sie nach Gleichartigkeit zu sortieren. Meine naive Vorstellung war es, auf insgesamt 10-20 Seiten für jeden Staat eine Beschreibung zu gestalten. Nach 2-3 Jahren merkte ich, daß das Ganze wohl doch etwas umfangreicher werden würde ... Außerdem hatte ich zwar auch Informationen über die Geschichte des Spinnrads in den Büchern ge­funden, die mir aber widersprüchlich, spekulativ und unvollständig erschienen. Vor allem die für mich wichtigste Frage ließen sämtliche Werke unbeantwortet: wie waren die Unter­schiede in der Spinnradkonstruktion entstanden?

 

Also begann ich, über die Geschichte des Spinnrads zu recherchieren. Statt an dem „Haupt­teil“, d.h. den Spinnradbeschreibungen, arbeitete ich nun jahrelang überwiegend an dem, was ursprünglich nur als kurze Einleitung geplant war. Beim tatsächlichen Zusammenschrei­ben, das etwa 5 Jahre in Anspruch nahm, mußte ich mich immer wieder am Riemen reißen, um das Thema nicht zu verlassen, und das sollten eben die Flügelspinnräder sein. Viel Material zu Randgebieten strich ich wieder heraus, insbesondere das, was schon in anderen Fachbüchern bereits gut ausgeführt worden war. Mein Anliegen war es, überwiegend wirklich neue Erkenntnisse vorzubringen und mit einigen immer wieder aufgewärmten „Märchen“ aufzu­räumen (s. die Fußnoten Nr. 30, 85, 135). Selbstverständlich war für mich aufgrund meiner Ausbildung, daß eigene Aussagen beweiskräftig belegt sein müssen und Aussagen anderer auf ihre Glaubwürdigkeit kritisch zu überprüfen sind (das ist der erste Grundsatz der Wissenschaft: glaube nie etwas nur deshalb, weil es irgendwo gedruckt steht). Dazu gehört, daß man sich mit möglichst mindestens 95% aller verfügbaren Quellen vertraut macht.

 

Das letzte Kapitel inkl. der Verbreitungskarten hing allerdings von den Ergebnissen der Spinnrad-Klassifizierungen ab, so daß ich an dem, was ich damals den „allgemeinen Teil“ und den „speziellen Teil“ nannte, bis zum Ende gleichzeitig arbeiten mußte. Aus den beiden Teilen sollte eigentlich ein einziges Buch werden. Dieses hätte aber einen Umfang von über 450 Seiten à DIN A4 gehabt. Aus verschiedenen Gründen habe ich mich daher entschlossen, die Geschichte und Bedeutung des Spinnrads in Europa eigenständig zu veröffentlichen.