Leseprobe

Von der Handspindel zum Spindelrad

Von der Steinzeit bis ins Mittelalter wurden Gespinstfasern in Europa ausschließ­lich mit der Handspindel versponnen. Etwa zu Beginn des 13. Jahrhunderts wurde die bisher senkrecht verwendete Fallspindel waagerecht in ein vierbeiniges Gestell eingebaut. Die Spindel wird jetzt über einen Riemen ange­trieben, der das leicht gebaute Schwungrad von etwa 1 Meter Durchmesser mit dem Wirtel verbindet. Die meist geschmiedete, vorn spitz zulaufende Spindel ragt über das vordere Spindel-Lager weit hinaus. Die Konstruktion und Größe des neuen Geräts bedingte, daß das Schwungrad im Stehen angetrieben werden mußte und der Benutzer zwischen der Spinn‑ und der Aufwickelphase sogar ein paar Schritte vor und zurück machen mußte. Es gibt viele, z.T. mißverständliche Namen für das Gerät, u.a. Handspinnrad, Großes Rad, Wanderrad und Wollrad. Im Folgenden bezeichne ich es als Spindelrad.

Wo das Spindelrad zuerst auftauchte, ist nicht mehr festzustellen. Es ist wahrscheinlich, daß es zusammen mit dem neuen Rohstoff Baumwolle aus dem Orient (Indien, China) in die damaligen Zentren der Textilherstellung Oberdeutschland (Konstanz), Flandern und Florenz eingeführt wurde. Die große Übersetzung vom Schwungrad zum Wirtel ermöglichte zwar eine Steigerung der Arbeitsleistung um das Doppelte im Vergleich zur Handspindel. Allerdings konnten mit der Technik des sogenannten langen Auszugs nur Baumwolle und kurzfaserige Wolle ver­sponnen werden, zudem nur in lockerer Drehung und recht ungleichmäßig. Das neuartige Rad wurde in der Tuchmacherei verboten: 1224 in Venedig, 1256 in Bologna, 1268 in Paris, um 1280 in Speyer, 1288 in Abbeville, 1292 in Siena und so weiter. In der Handwerksordnung der Weber von Speyer wird es ausdrücklich nur für die Herstellung von Schußgarn zu­ge­lassen, möglicherweise weil der gesponnene Konus bereits ohne Umspulen in ein Weberschiffchen eingesetzt werden konnte. Die Handspindel wurde also trotz der neuen Erfindung nicht entbehrlich; zum Verspinnen von Flachs, Hanf oder langstapeliger Wolle, zum Herstellen von Kettgarn und zum Verzwirnen mußte sie weiterhin eingesetzt werden.

Vom Spindelrad zu handgetriebenen Flügelspinnrad

Etwa 200 Jahre später wurde die Konstruktion erneut verändert. Die Spindel wird mit zwei gebogenen Flügelästen versehen und zwischen Flügel und Wirtel eine frei bewegliche Spule zum Aufnehmen des Garns aufgesteckt. Die Spindel­spitze wird röhrenförmig aufgeweitet. Das bankartige Gestell lag etwas höher als früher, so daß man bequem davor sitzen und arbeiten konnte. Dabei wurde das Schwung­rad über eine Kurbel mit der Hand angetrieben. Das Schwungrad selber war zwar bedeutend kleiner als beim Spindelrad, etwa 30‑40 cm im Durchmesser, wurde aber weiter als Rad mit flacher „Bandfelge“ gebaut. Während man beim Arbeiten mit dem Spindelrad die Fasern in kleinen Portionen locker in der Hand hält, werden sie beim handgetriebenen Flügelspinnrad in einen festen Rocken (nddt. Wocken) geordnet, dessen Träger (Kunkel, Rockenstock) im Gestell integriert ist.

 

Auch hier ist unbekannt, wo diese Erfindung ihren Ursprung hat. Die älteste bekannte Abbildung eines Flügelspinnrads befindet sich im Mittelalterlichen Haus­buch der Familie Waldburg (Schloß Wolfegg, südliches Oberschwaben) aus dem Jahre 1480. Das Untergestell ist eine truhen‑ oder kastenförmige Bank mit ge­schlossenen Seitenteilen; das Ganze macht den Eindruck eines „Nähkästchens“, in dem die Besitzerin außer den Ersatzspulen vielleicht noch Flachs oder anderes Zubehör bereit liegen hat.

 

 

Eine 5seitige Leseprobe des obigen Textes im originalen Layout (verkleinert von der Originalgröße 17,6cm * 25cm), inklusive der Illustrationen und Anmerkungen können Sie hier ansehen.